Einführung

Einige der Antragsteller konnten aus Ghettos und Arbeitslager entfliehen und schilderten  ihre Erlebnisse.

Abraham Diller

geboren am 13. 9. 1925 in Sanok, Aussage von 1964

Biografie: 11/1939 Judenstern, Zwangsarbeiten; 2/1941-Sommer 1944 Illegalität; 1945 von Polen über Ungarn, Österreich nach Italien, 1948 USA

Ich habe dann versucht, aus dem Lager zu fliehen. Dies ist mir auch gelungen und bei einem guten Bauern in Plowce konnte ich mich verstecken. Er versteckte mich in einem Bunker, wo ich unter menschenunwürdigen Bedingungen bis zur Befreiung gelebt habe. Der Bauer hat mir einmal am Tag und zwar spaet abends etwas zum Essen gebracht und manchmal auch dies nicht, denn wenn er im Hause Gaeste hatte, traute er sich nicht in den Bunker zu gehen. 1942, als ich noch bei dem Bauern im Bunker versteckt gelebt habe, hat er mir einmal berichtet, dass bei der letzten Aktion meine Familie, als sie sich retten wollten und in den Wald liefen, von den Deutschen erwischt wurden und an Ort und Stelle erschossen wurden.

Zelman Weinstock (Wassermann)

geboren am 5. 12. 1914 in Bialystok, gestorben am 24.8.1982, Aussage vom 10. 5. 1961

Biografie: bis 1941 Kleszczele, Mitbesitzer der chemischen Ölfabrik „Olearna“, 6/1941 Zwangsarbeit Kleszcele, 7/1941 bis 11/1942 Ghetto Kleszcele Berkajoselewiczastrasse; 11/1942 bis 8/1944 Flucht und Verstecken

Ich lebte in ewiger Angst um meine ganze Familie. Ich sah dauernd, wie man Menschen am Bahnhof einwaggonierte, hörte ihr Weinen und Schreien, sah, wie man Menschen am Platz erschoss und wusste, dass auch meine Angehörigen dabei sein würden. Meine Frau, mein Kind, meine Eltern und 2 Schwestern sind auch abtransportiert worden und man hat nie mehr etwas von ihnen gehoert.

Ich flüchtete im November 1942 und lebte bis zur Befreiung, im August 1944, im Walde, gehetzt wie ein Tier, und verfolgt von deutschen Patrouillen. Einmal wurde ich angeschossen, ich bekam drei Kugeln in den Rücken, die Lunge war verletzt, und die Wunden begannen zu eitern. Ein Leidensgenosse nahm mir primitiv die Kugeln heraus.

Krusa Peschkin

geboren am 15.10.1922 in Ostrow als Krusa Abramcik, Aussage vom 23.1.1963

Biografie: 1941 Ghetto Slonim, 12/1942 Flucht bei Liquidation Ghetto, Israel.

Als die Deutschen meine Heimat besetzten, flüchteten wir nach Slonim. Dort okkupierten die Deutschen 1941 das Gebiet und ich musste bald nach der Besetzung schwerste Zwangsarbeit leisten. Als das Ghetto im Dezember 1942 liquidiert wurde, flüchtete ich mit einer Gruppe junger Menschen. Meinen Eltern und vier Geschwistern war es ebenfalls gelungen, zu entkommen und wir trafen uns bei einem Bauern, wo wir eine Zeitlang versteckt lebten. Der Bauer bedrohte uns mit Anzeige, wir mussten uns um ein anderes Versteck umsehen, meine Eltern und Geschwister wurden von einer deutschen Patrouille dabei gefasst und erschossen.

Anm.: Das Verstecken von Flüchtlingen wurde mit dem Tode bestraft.

Sarah Sucholowski

geboren  1922 in Parczew/Polen als Sarah Korn, Aussage vom 10.12.1962

Biografie:1936 bis 1939 Handelsschule Parczew. 1939 bis Herbst 1942 Parczew/Ghetto Parczew, überlebte Massenerschiessung im Herbst 1942, Flucht, Israel

Als die Deutschen meine Heimat besetzten, musste ich schwerste Zwangsarbeit leisten und dies bei jedem Wetter, wie Kartoffeln ausgraben und andere Feldarbeiten ... Wir wurden im Herbst 1942 alle in den Wald gebracht und die Deutschen begannen auf uns zu schiessen. Ich packte meine Schwester bei der Hand und wir liefen gebueckt davon und versteckten uns dann in Gebueschen und kamen so mit dem Leben davon. Als es dunkelte, krochen wir zurueck und fanden meine Mutter und meinen Bruder beraubt und erschossen vor. Wir besorgten uns eine Schaufel und begruben sie. Der Vater war nicht bei den Toten dabei, ihn fanden wir spaeter am Leben wieder.

Anm.: Polizei-Bataillon 101 war zu dieser Zeit in der Gegend.

Zipora Zohar

geboren am 29.2.1928 in Wlodzimierc als Zipora Weinstock, Aussage von 16.12.1964

Sie schildert eine Aktion im Ghetto:

Im September 1941 wurde ich mit meinen Eltern in das Ghetto Wlodzimierc Wolinsk eingewiesen und es war im Jahre 1942, dass meine Eltern und auch mein Bruder aus dem Ghetto abtransportiert wurden und sie sind umgekommen.

Gegenüber einen Arzt schildert sie 1962 ihre Erlebnisse, hier ein Auszug:

Bei den Gespraechen mit ihr erzaehlte sie ueber ihre Erlebnisse waehrend der Verfolgung, wie sie ihre Eltern verlor und ihren Bruder im Jahre 1942. Ihr selbst gelang es sich vor dem Pogrom zu retten und im Ghetto zu bleiben, nur mit ihrer Schwester und aelterem Bruder. Sie wurden zur Zwangsarbeit gezwungen auf Befehl der Nazis. Ihre Kraefte schwanden, Ende 1942 machten die Deutschen wieder eine Selektion und verschickten die Schwachen ausserhalb der Stadt, die Patientin darunter. Man fuehrte sie in offenen Lastwagen und bedeckte sie mit schweren Gegenstaenden, damit sie nicht entlaufen. Als sie in den Vernichtungsplatz ankamen, befahl man sie, sich auszuziehen, so standen sie nackt reihenweise beim Graben. Man hat auf sie geschossen und sie fielen in den Graben. Die Patientin blieb einer der letzten, zusammen mit ihrer Schwester. Man hat auch auf sie geschossen. Nach der Ausschlachtung verliesen die Nazis den Platz, ohne den Graben zuzuschuetten. Das Maedchen lag die ganze Zeit bewusstlos, und als sie erwachte, fand sie ihre Schwester tot. Sie war verwundet und mit grosser Muehe lief sie weg und versteckte sich bei einer christlichen Familie. Dort bekam sie auch chirurgische Behandlung von einem polnischen Chirurg, welcher sie illegal behandelt.

Hedy Sebag

geboren am 24.6.1931 in Frankturt/Main als Hedy Schächter.

1936 bis 1938 Schulbesuch, 1939 Flucht nach Antwerpen, 18.1.1941 bis 28.7.1941 Inhaftierung in Zonhofen (Zonhoven)/Limbourg,  Antwerpen, 1942 Flucht nach Brüssel, Anfang 1943 bis 1/1945 Kloster Wiers/Namur als Yvette Peeters. Jüdisches Kinderheim Brüssel, 1946 England, 1949 Israel, 1955 USA.

Diese eidesstattliche Erklaerung gebe ich im Zusammenhang mit meinem Antrag auf Entschädigung wegen Schaden an Koerper und Gesundheit ab.

Vor Ausbruch der Verfolgungsmassnahmen lebte ich zusammen mit meiner Familie in Frankfurt/M in der Ostendstrasse 3. Als wir nach Belgien flohen, war ich ein sieben- bis achtjaehriges Kind. Demzufolge habe ich nicht mehr allzuviele Erinnerungen an diese Zeit. Ich weiss aber, dass wir gut lebten. Natuerlich war ein Schulbesuch fuer mich nach dem Jahre 1939 nicht mehr moeglich. Ich war immer gesund. Von den einsetzenden Verfolgungsmassnahmen habe ich als Kind nicht zuviel miterlebt, wir flohen Hals ueber Kopf nach Antwerpen, als man meinen Vater suchte. Da wir ohne Mittel geflohen waren, lebten wir unter duerftigen Verhaeltnissen.

Im Jahre 1940 erfolgte die Nazibesetzung und wir lebten wieder in Angst und Schrecken. Nur konnte ich die Dinge jetzt schon verstehen.

Im Januar 1941 wurde meine Familie in das Konzentrationslager geschleppt. Hier herrschten entsetzliche Verhaeltnisse. Wir bekamen im Lager Zonhofen kaum etwas zu essen, wurden taeglich schikaniert und alle Leute zitterten vor den Deportationen. Meine Mutter wurde sehr schwer krank. Mein Vater musste jeden Tag zur Schwerarbeit gehen. Ich sass alleine in den Baracken herum. Ich hatte staendig Halsentzuendungen und Fieber. Aerztliche Hilfe bekam ich nicht.

Meiner Familie gelang es jedoch, nach acht Monaten aus dem Lager zu entkommen. Fuer kurze Zeit lebten wir in Antwerpen. Wir hatten uns staendig an anderen Adressen aufzuhalten und zu verstecken. Dann floh meine Familie nach Bruessel. Ich wurde zu einer christlichen Familie gegeben, die mich versteckte. Als die Situation immer unhaltbarer wurde, bekam ich falsche Papiere und kam in ein Kloster bei Namur. An dieses Kloster habe ich furchtbare Erinnerungen. Man musste mich staendig verstecken, wenn eine Durchsuchung kam. Einige der Kinder wussten, dass ich juedisch sei und schikanierten mich. Ich war ausgestossen und fuehlte mich sehr verletzt.

Bei meiner Befreiung habe ich Wochen gebraucht, um mit anderen Menschen ueberhaupt sprechen zu koennen. Bei meiner Befreiung erfuhr ich vom Tod meiner Eltern und meiner Schwester. Das war ein weiterer Schock fuer mich.

Mein Bruder, der schon 1938 nach England gekommen war, holte mich zu sich. Ich blieb in England bis zu meiner Uebersiedlung nach Israel. Seit dem Jahre 1955 wohne ich in den USA.

Salomon Rottenberg

geboren am 7.1.1924 in Stryj/Polen

Biografie: 6/1941 Zwangsarbeit; 7/1941 Judenstern, 9/1941 Ghetto Stryj geschlossen, 5/1943 Liquidation des Ghettos, Flucht, 8/1944 Befreiung, 1950 Kanada

Im Mai 1943 fand die Aussiedlung der Juden statt. Um mein Leben zu retten, habe ich mich in einem Bunker, bei einem polnischen Mann, namens Kazsik Starko, mit noch anderen 35 Personen versteckt.
Wir konnten so eng beieinandersitzen, dass keiner von uns sich je ausstrecken konnte. Wir hockten im finstern, da wir nicht einmal eine Kerze besassen. Seife oder Wasser, um uns zu waschen, hatten wir keine, und wir mussten auch unsere Notdurft im Bunker verrichten. Der Pole Starko gab uns nur sehr wenig zu essen, obwohl wir ihm alles gut bezahlt haben. Wir lebten wie die Tiere, verlaust, verschmutzt, verwildert, in ständiger Todesangst. Endlich im August 1944 wurden wir durch die russische Armee befreit.

Sprinza Zwillich

geboren 1891 Woslowitz/Polen.

Biografie: November 1939 April 1942 Lublin/Ghetto Lublin, April 1942 bis November 1942 Majdan-Tatarsk, November 1942 bis Juli 1944 Illegalität, Berlin, Israel

Im November 1942 wurde auch dieses Ghetto (Anm.: Majdan-Tatarsk/Lublin) liquidiert und es gelang mir, mit meiner Tochter zu flüchten. Wir fanden andere Flüchtlinge und wanderten immer nachts, tief in die Wälder, da die Deutschen Razzien machten. Wir lebten von dem, was wir bei den Bauern stehlen konnten. Manchmal waren wir so hungrig, dass wir Baumrinde assen. Im Sommer wurde es ein wenig leichter, da wir wenigstens nicht so froren, und auf den Feldern Rüben und dergleichen fanden. Dann begann der Winter 1943/44. Wir froren erbärmlich, ohne warme Kleidung der Kälte und dem Schnee ausgesetzt. Meine kleine Tochter erkrankte, begann hoch zu fiebern, ohne Arzt, ohne Medikamente.Da ich für ihr Leben fürchtete, bat ich bei Bauern um Erbarmen. Einige hatten Mitleid, verbargen uns für einige Tage im Stall, im Keller etc, aber da sie vor Entdeckung fürchteten musste ich immer weiter wandern. Dann, im Frühjahr, mussten wir wieder in den Wald wandern, wo wir im Juli 1944 durch die Rote Armee befreit wurden

Lola Olmer

geboren am 1.4.1907 in Dzialoszyce

Biografie: Dzialoszyce, 1939 bis Ende September 1942 (?)  Ghetto Dzialoszyce, 15.11.1942 bis 15.1.1945 versteckt lebend bei Maciej Koniecznya, 1945-1947 Gleiwitz, DP Bensheim, Deutschland, 4.12.1947 USA

Waehrend der grossen Aussiedlung hat man meine Eltern , meine zwei Brüder meine Schwester ermordet. (Eidesstattliche Erklärung von Lola Olmer, Ghetto Dzialowicze)

Als es im September 1942 zur Vernichtung der juedischen Bevoelkerung kam, floh ich aus Angst um mein Leben zu dem polnischen Bauern Maciej Konieczny. Mit mir zusammen flohen mein Ehemann und mein Sohn. Meine Tochter Halma, die bei einem anderen polnischen Bauern versteckt war, wurde dort aufgestoebert und erschossen. Der Bauer Konieczny hat fuer mich und meine Familie eine Bestaetigung abgegeben. Ich moechte noch hinzufügen, dass dieser Bauer staendig sein Leben riskierte. (Eidesstattliche Erklärung von Lola Olmer, Ghetto Dzialowicze)