Andreas Nasch (in Bearbeitung)
- 22.6.1912 Cluj/Rumänien, Eltern Adalbert Nasch, geb. 1890; Fanny Nasch, geb. Schmit
- Besuch des Gymnasium, Studium an der Fakultät für Volkswirtschaft der Universität Cluj (Rumänien). Diplom, Einreichung der Doktorarbeit, 1941/42 an der Königl.Ungar.Franz Josef Universität immatrikuliert,
- exmatrikuliert, da Jude
- ab Juni 1942 Zwangsarbeit (Gherla/Klausenburg, Gomel, Mallinowa/Woronesch, Brest-Litowsk),
- Dezember 1943 Entlassung,
- 20. April1944 bis 6. Juni 1944 Ghetto Klausenburg (Cluj),
- Juni 1944 KZ Auschwitz,
- 7. Juni 1944/18. Juni 1944 KZ Dachau/Kaufering Häftlingsnummer #71504,
- 26. April 1945 KZ Dachau/Allach,
- 30. April 1945 Befreiung.
- München, Studium an der Ludwig-Maximilian-Universität, Erlangung des Doktortitels (Dr. rer. pol.)
- arbeitet ab Mai 1948 in der Administration der Jewish Agency for Palestine, München, Maria-Theresiastr. 11.
- 1950 Emigration nach Israel
Er verlor die Eltern, seine Frau, sein Kind und zwei Brüder während der Verfolgung.
Vor der Verfolgung
Alle meine obigen Leiden habe ich mir durch die Verfolgungen zugezogen. Ich war bis zu Beginn der Verfolgungen völlig gesund, kräftig, ich hatte keinerlei ernstliche Krankheiten und fühlte mich auch immer gesund. Ich hatte einen ausgeglichenen Charakter, ich war gesellig, sporttätig. – Auch meine Eltern und alle meine Geschwister waren gesund, ich entstamme einer durchaus gesunden Familie in welcher keinerlei ernstliche Krankheiten vorkamen. Meine materielle Lage war glänzend. Meine Eltern waren wohlhabend, ich habe die Akademie für das hohe Studium des Handels und der Industrie absolviert, und studierte auch die volkswirtschaftliche Fakultät an der Klausenburger Universität. Ich wuchs im Wohlstand auf und konnte mich unbesorgt meinen Studien widmen. Mein Vater war Großgutsbesitzer, hatte 2 Spiritusfabriken, ein grosses Holzlager und ich war auch an den Unternehmungen meines Vaters beteiligt. Ich wurde Mitinhaber der Spiritusfabriken, die unter der Firma „Adalbert Nasch & Söhne“ gingen. Ich besass wirtschaftlich eine sehr gute Position und meine Zukunft schien gesichert.
Quelle: eidesstattliche Erklärung zum "Schaden an Körper oder Gesundheit"
Zu seiner Ausbildung schreibt Andreas Nasch:
Nachdem ich das Gymnasium beendete, studierte ich an der Fakultät für Volkswirtschaft der Universität Cluj (Rumänien). Nachdem ich die Diplomprüfung als Volkswirt und Handelslehrer bestanden hatte, setzte ich mein Studium fort, um den Doktortitel zu erwerben. Zu dieser Zeit kam Cluj (Klausenburg) gemäß dem Wiener Diktat unter ungarische Herrschaft. In den Jahren 1941/42 war ich an der Königl.Ungar.Franz Josef Universität immatrikuliert. Nachdem ich alle Prüfungen abgelegt hatte und die Doktordissertation eingereicht hatte, wurde ich als Jude exmatrikuliert, entsprechend den inzwischen in Kraft getretenen antijüdischen Maßnahmen, und ich konnte die Doktorwürde nicht mehr erlangen.
Quelle: Eidesstattliche Erklärung vom 23.3.1967, Tel Aviv
Zwangsarbeit für die Wehrmacht
Ich[, Dr. Andreas N a s c h ,] kam im Juni 1942 von Gherla, früher Ungarn, jetzt Rumänien, wohin ich von meinem Heimatort einberufen worden war, im Sammeltransport zuerst nach Gomel und von dort nach Mallinowa, Kreis Woronesch. Hier wurde ich den deutschen Truppen zur Leistung von Zwangsarbeit übergeben (Minensuchen, Schützengrabenbau usw.).
Bei Rückzug der Deutschen Truppen im Januar 1943 wurde ich abtransportiert und kam ins Krankenhaus nach Brest – Litowsk wegen Erkrankung an Flecktyphus. Im Dezember 1943 wurde ich nach Ungarn entlassen.
Quelle: Eidesstattliche Erklärung "Schaden an Freiheit", 20.10.1949, München
Ghetto Kluj/Klausenburg
[....] Schon im Ghetto KLUJ erlitt ich meinen ersten schweren Schock. Da wir dafür bekannt waren zu den reichen Bürgern der Stadt zu gehören, wollte die SS von meinem Vater und von mir die Herausgabe von Gold- und Schmucksagen durch Schläge und Misshandlungen erpressen. Sie schlugen grausam auf uns ein, da sie nicht glauben wollen, dass wir alles Gold und Schmuck abgegeben haben. Sie schlugen daher meinen Vater derart, dass er ohnmächtig zusammenbrach, und ich fürchten musste, dass sie ihn nicht am Leben lassen würden. Auch mich misshandelten und schlugen sie aufs Grausamste. Von da ab konnte sich mein Vater nicht mehr erholen, so schrecklich zerschlagen war er.
Quelle: Eidesstattliche Erklärung wegen "Schaden an Körper oder Gesundheit"
KZ Auschwitz
Später wurde ich mit meinen Eltern, meiner Frau und meinem einzigen Kind, das damals noch ein Säugling war, sowie mit meinem Bruder nach KZ Auschwitz deportiert. Gleich nach unserer Ankunft traf mich der schrecklichste und schwerste Schicksalsschlag meines Lebens. Meine Eltern, meine Frau, mein kleines Kind und mein jüngster Bruder wurden sofort von mir separiert, sie wurden auf die Seite der zur Vernichtung bestimmten Häftlinge gestellt, und ich habe sie nie mehr wiedergesehen. Ich sah plötzlich um mich eine Leere, ich fühlte mich mit einem Schlage allein und verlassen. Ich sah täglich den Rauch der Krematorien, die schlimmsten Ahnungen quälten mich, ich wusste, dass meine nächsten Angehörigen den Tod in den Gaskammern Auschwitz gefunden hatten. Ich fand keine Ruhe mehr, weder bei Tag noch bei Nacht, ich verbrachte die Nächste schlaflos und konnte über den Verlust meiner Familie nicht hinwegkommen.
Quelle: Eidesstattliche Erklärung wegen "Schaden an Körper oder Gesundheit"
KZ Kaufering
Nach kurzer Zeit wurde ich in das KZ Kaufering überführt. Auch hier machte ich eine schwere Zeit durch. Ich wurde zu schweren körperlichen Arbeiten herangezogen, beim Transport- und Eisenbahnkommando. Ich musste schwere etwa 100 Kg wiegende Säcke schleppen, schwere Steine tragen. Es waren Arbeiten, die weit über meine Kräfte gingen, die ich nicht gewohnt war und denen ich auch nicht gewachsen war. Oft brach ich unter diesen Arbeiten, unter diesen schweren Lasten zusammen. Bei der Arbeit wurde ich dauernd durch Schläge zum schnelleren Arbeitstempo angetrieben; ich wurde bedroht und beschimpft. Ich konnte auch innerlich diese plötzliche Degradierung nicht verarbeiten, ich musste als Intellektueller Beschimpfungen über mich ergehen lassen. Ich musste auch tote schleppen und die Leichen begraben, es war eine furchtbare Tätigkeit vor der mir graute. Es waren doch die Leichen meiner gestern noch am Leben gewesenen Leidensgenossen. Ich wusste, dass mich morgen dasselbe Schicksal erwartete. -
[berichtet von Krankheiten, Zahnverlust, Schmerzen ]
Ich habe dort auch einen Bruder verloren, der zwei Tage vor der Befreiung den Hungertod starb. – Kurz vor der Befreiung erkrankte ich noch an einem schweren Flecktyphus mit hohem Fleckfieber, und als im April 1945 meine Befreiung erfolgte, lag ich noch immer schwer typhuskrank. -
Nach der Befreiung
Er lebte zusammen mit Eugen (Bruder) und Ernst (Verwandtschaftsverhältnis unklar) Nasch in München in der St. Michaelstraße 124/I, einer möblierten Wohnung, in der vorher ein SA-Mann gewohnte hatte. Als er die Möbel wieder abgegeben musste, wandte er sich am 25.7.1949 wegen finanzieller Unterstützung an die "Generalanwaltschaft für rassisch, religiös und politisch Verfolgte". Gemeint ist wohl das von Phillip Auerbach, dem "Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte" geführte Entschädigungsamt :
Im Juni 1945 wurde die möblierte Wohnung des ehemaligen SA-Mannes, Gottlieb Althoff, München, St. Michaelstr. 124/I, aus zwei Zimmern und Küche bestehend, meinem Bruder und mir zugewiesen.-Laut der Mitteilung vom 16.2.1949./s.Beilage/ des Stadtrates München (Zentralstelle f.d. Münchener Wohnungsbehörde-Möbeltreuhandstelle), wurde die Freigabe der von uns benützten Möbel ausgesprochen. -Ich bin infolge dessen gezwungen, sie ihm zurückzugeben.
Nachdem ich über keinerlei Mittel verfüge, bin ich nicht im Stande mir und meinem Bruder (der sich z.Zt. als Drogist ausbildet), die Möbel und die nötigsten Haushaltsgegenstände anzuschaffen.-Die Verfügung der Herausgabe der Möbel, traf mich um so härter, dass ich gerade kurz vor meiner Heirat stehe.-
Zur Anschaffung der Möbel, nötigster Ausstattung und Geschirr, benötige ich mindestens einen Betrag von 3000.-Dreitausend DM.-
Zu seiner beruflichen Entwicklung schreibt Nasch:
Nach der Befreiung setzte ich mein Studium fort und erwarb im Jahre 1948 den Doktortitel der Hohen Staatswissenschaftlichen Fakultät der Ludwig Maximilian Universität zu München.
Ab Mai 1948 arbeite ich in der Administration der Jewish Agency for Palestine, München, Maria-Theresiastr. 11.
Über die psychischen Folgen der Verfolgung:
Ich habe durch die Verfolgungen meine ganze Familie verloren, meine Existenz. Ich war vor Beginn der Verfolgungen ein gesunder und kräftiger Mensch und kam aus dem Lager als ein Wrack heraus, völlig gebrochen an Leib und Seele. Ich habe auch keinerlei Aussichten jemals noch meinen früheren Gesundheitszustand wiederzuerlangen, einmal noch gesund zu werden. Ich bin infolge meiner Leiden in meiner Arbeitsfähigkeit erheblich gemindert. Nachts finde ich keine ruhe. Oft haben meine Träume diese traurigen grauenhaften Bilder und Vorgänge aus dieser schweren Verfolgungszeit zum Inhalt. Oft sehe ich in meinen Träumen die Gesichter meiner toten Kameraden, die ich schleppen musste, ich erlebe oft im Traum diese ganzen furchtbaren Vorkommnisse. -
Ich kann mich danach kaum beruhigen und gehe dann stundenlang wie verwirrt herum. Ich meide Menschen, Gesellschaft, selten besuche ich ein Kino, oder ein Theater, ich habe zu nichts Geduld und an Nichts Interesse. – Ich habe zwar wieder geheiratet, habe wieder ein Kind, aber ich kann über den Verlust meiner ersten Frau und meines ersten Kindes nicht hinwegkommen. Ich kann das Leben nicht genießen, ich finde keine Freude am Leben. Ich muss immer und immer wieder an das Erlebte und Durchgemachte zurückdenken, ich kann diese Erinnerungen und diese schwere Zeit nie mehr loswerden.-
Quelle: Eidesstattliche Erklärung zum "Schaden an Körper oder Gesundheit", 1960
Zeugen für Andreas Nasch
Folgende Zeugen wurden von Andreas Nasch benannt:
- Sigmund Levi, Kaufmann in München 19, Dachauerstrasse 140,
- Mor Rosman, Beamter in München 8, Schneckenburgerstrasse 21,
- J. Hermann Szobel, Kaufmann in München, Schleissheimerstrasse 106
Sie waren zusammen mit Naftali (Andreas/Andor) Nasch in Kaufering. Ihre Verfolgungsgeschichte beschreiben sie in einer gemeinsamen eidesstattlichen Erklärung vom 29.10.1949:
Sigmund Levi
Ich, Sigmund Levi, kam im Juni 1942 von Gherla, wohin ich von meinem Heimatort einberufen worden war, im Sammeltransport zuerst nach Gomel und von dort nach Mallinowa, Kreis Woronesch. Hier wurde ich den deutschen Truppen zur Leistung von Zwangsarbeit übergeben. Im Januar 1943 kam ich in das Krankenhaus nach Brest – Litowsk wegen Flecktyphus. Im Dezember 1943 wurde ich nach meinem Heimatort in Ungarn entlassen. Im April 1944 wurde ich in das Klausenburger Ghetto eingeliefert und von hier im Juni 1944 in das Konzentrationslager Auschwitz abtransportiert. Mitte Juni 1944 wurde ich in das Konzentrationslager Dachau, Zweiglager Kaufering, überstellt. Ab 26.4.1945 kam ich in das Konzentrationslager Dachau, Hauptlager und wurde hier am 29. April 1945 von den amerikanischen Truppen befreit.
Mor Rosman
Ich, Mor Rosman, kam im Juni 1942 von Baiamare, wohin ich von meinem Heimatort aus, einberufen worden war, im Sammeltransport zuerst nach Gomel, von dort nach Mallinowa, Kreis Woronesch. Hier wurde ich zu Zwangsarbeiten den deutschen Truppen übergeben. Im Januar 1943 kam ich in das Krankenhaus nach Brest -Litowsk wegen Erkrankung an Flecktyphus. Im Dezember 1943 wurde ich nach Ungarn entlassen. Am 4. Mai 1944 wurde ich in das Ghetto Baiamare verbracht, von dort aus am 6. Mai 1944 in das Ghetto Dej. Hier blieb ich bis 6.6.1944. Am 6.6.1944 wurde ich in das Konzentrationslager Auschwitz eingeliefert, am 13.6.1944 in das Konzentrationslager Warschau übergeführt. Hier war ich etwa drei Monate. Im September 1944 wurde ich in das Konzentrationslager Dachau, ZweiglagerKaufering und von dort am 26. April 1945 in das Zweiglager Allach gebracht. Am 30. April 1945 wurde ich von den amerikanischen Truppen befreit.
J. Hermann Szobel
Ich, J. Hermann Szobel, kam im Juni 1942 von Bathlen, wohin ich von meinem Heimatort aus einberufen worden war, im Sammeltransport zuerst nach Gomel und von dort zur Leistung von Zwangsarbeiten bei den deutschen Truppen nach Mallinowa bei Woronesch. Im Januar 1943 wurde ich in meinen Heimatort nach Ungarn entlassen.
Am 4. Mai 1944 wurde ich in das Ghetto in meinem Heimatort Dej eingeliefert. Am 6. Juni 1944 wurde ich in das Konzentrationslager Auschwitz und von dort am 18.6.1944 in das Konzentrationslager nach Dachau Zweiglager Kaufering übergeführt. Am 29. April 1945 wurde ich in das Zweiglager nach Allach evakuiert und dort am 30. April 1945 von den amerikanischen Truppen befreit. Am 3.6.1945 kam ich in das Krankenhaus Schwabing, aus dem ich am 10.7.1945 entlassen wurde.
Anmerkungen
Weitere Quellen
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Entschädigungsamt
München, Akte von Naftali Andreas Nasch, Az. EG 15833
Anmerkungen
Sein Bruder Eugen Nasch war ebenfalls Klient von Konrad Kittl. Entschädigungsamt München, Aktenzeichen EG15506.
Bildnachweis
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